#frapalywo tag 6, text 6 – geborgtes von domin/geborgte worte

reisen

mein körper ist eine landkarte geworden, mutter
als ich die welt sah sah ich mich
habe grenzen gezogen zwischen brust und kiefer
täler geschürft typografische merkmale katalogisiert

ich habe mit mir
freundschaftsverträge geschlossen
allianzen geschmiedet
und mich des öfteren
in einen exodus begeben

so bin ich weit und lang gereist
und war kein stück weg

und wenn du mich jetzt fragst, mutter
nach dem schönsten dem beeindruckendsten
meiner reisen

so kann ich dir sagen
dass superlative ein nichtwort* meines ichs
geworden sind
immer schon waren und
ich heimat im ich
nicht finden werde
ich jedoch mein heimwehgefieder*
anbehalte

nur für den fall
dass ich eines tages erde schürfe

 

*kursiv: geborgte wörter von hilde domin

 

das ist tag 6, text 6 der #frapalywo zum impuls der geborgten wunderworte von hilde domin. aus den folgenden wörtern von hilde domin konnte eines oder mehrere ausgewählt und in das eigene schreiben integriert werden: fischherzig, das nichtwort, traumvolk, klimawechsler, schwerefrei, befiedern, heimwehgefiedert. ich habe mich für nichtwort und heimwehgefieder (statt heimwehgefiedert) entschieden.

nun freue ich mich auf eure integrierten dominschen wunderworte.

7 tage, 7 texte, 1 thema: wer bei der #frapalywo mitmachen mag, kann dies entweder für sich tun und die impulse für die eigene schreibstube nutzen. oder im unten stehenden kommentarfeld seinen blog/webseite verlinken. oder das gedicht selbst über das kommentarfeld hochladen. oder auch einfach sonst einen kommentar hinterlassen. ähnlich über twitter mit link und kennung #frapalywo und @fraupaulchen

46 thoughts on “#frapalywo tag 6, text 6 – geborgtes von domin/geborgte worte

  1. Rona Duwe says:

    Zurücksehnen
    in diesen Zustand aus Licht
    und heimwehgefiedert*
    an diesen Ort zurückfliegen.
    Den Schmerz in ein Duftetui betten
    so dass er verweht
    und Heimat findet,
    ruhen kann.
    Vergangenheit als diese erkennen,
    Erinnerung gönnen
    und nicht mehr Bilder
    zerreißen müssen
    in Altpapiertonnen.
    Das jetzt schon sehr ferne Leuchten
    ertragen können
    als Möglichkeit eines Morgen.
    Weil das Gefühlstalent wieder Räume fand
    und atmen durfte.
    Wünsche und Träume,
    die lebten,
    für ein kurzes Kapitel.
    Drum ist das Sterben so bitter.
    Das allein anerkennen
    und schlafen.

  2. Gerda Steger says:

    vernetzt

    der tag welkt wie eine blume und
    fällt mit dem blick der nachtvögel
    heimgefiedert* ins leere

    wie die zeit uns geißelt
    das ungesagte spannt
    zwischen wille und wunsch

    zwischen gefühlsfieber und tränenschleier
    zieht fischherzig* deinmeinsein
    wie im flug dahin nicht
    schwerefrei*

    * kursiv: geborgte worte von Hilde Domin

    • Ich arbeite noch an einer passenden Uebersetzung, aber das ‚Nichtwort‘ ist eben ein ‚Nichtwort‘. Liebe Sophie, bestimmt kannst du mir ein Werk nennen, in dem Hilde Domin es verwendet.

      • oh, liebe ulrike, ich bin beim durchblättern eines buches von domin über die wörter gestolpert, aber ich habe mir nicht die jeweiligen gedichte dazu aufgeschrieben. entschuldige bitte!

      • Gerda Steger says:

        Liebe Ulrike, vielleicht können dir die folgenden Zeilen von Hilde Domin kleinwenig helfen:

        LYRIK
        das Nichtwort
        ausgespannt
        zwischen
        Wort und Wort

        Vielleicht findest du eine entsprechende Übersetzung für das „Unsagbare“ – das nicht „Konkrete“ auszusprechende?

          • Ulrike says:

            So, ich hab’s geschafft.
            Und im Internet, liebe Gerda, fand ich folgendes:
            «Lirica / la non parola / tesa / tra / parola e parola»
            So habe ich mich an den Begriff ’non-parola‘ gehalten…obwohl ich gar nicht nachvollziehen kann, wie das in italienischen Muttersprachlerohren klingen mag,

            Io che cosa farei

            se tu perdessi il mio amore

            I nostri corpi entrambi freddi e coi cuori da pesci

            noi massacrati dalla non-parola

            Lotterei

            oppure mi arrenderei?

          • Gerda Steger says:

            Liebe Ulrike, da teile ich jetzt meine Freude mit dir! Obwohl ich nicht italienisch spreche, (vereinzelte Worte dennoch oftmals verstehe), berausche ich mich allein schon am herrlichen Klang der Worte. Wie schön, dass du diesmal deine Gedichte auch als Übersetzung postest. Ich lese sie mir laut vor und träume mich gleichzeitig auch kleinwenig nach Italien, ins „Land meiner Sehnsucht“. Sie erreichen mich wie melodiös kleine Wortgeschenke! DANKE!

  3. von @gedankentaenze:

    In den Zwischenräumen
    unserer *Nichtworte
    lebt *heimwehgefiederte
    Erinnerung an ein:

    „Aber dich gibt’s nur einmal für mich…“

    • Gerda Steger says:

      Deine Worte berühren mich, denn du sprichst mir wirklich aus der Seele, vor allem mit deiner Schlusszeile. Erinnerungen holen mich dabei ein. DANKE, @gedankentänze!

  4. Nach der Kältekammerzeit
    versammle ich mein Traumvolk
    um mich herum
    wir machen uns davon
    tauchen schwerefrei
    im Weltenmeer
    suchen Schönes
    stärken uns
    noch vor dem Schlaf

    (von Hilde Domin geborgte Wörter: „Traumvolk“ und „schwerefrei“)

  5. von @giselheid22:

    Warten, bis die Worte kommen wollen. Sitzen, an den Abend gelehnt, im Rücken ein Nichtwort. Gedanken wandern mit den weißen weichen Wolken, ribbeln sie auf: schwerefrei; und sie befiedern sich und verlieren sich in der Stille.

  6. yumami says:

    heimwehgefiedert
    flüchtet mein selbst vor sich selbst
    in die einsamkeit

    in die tiefen der stille
    in den schwerefreien raum

    * kursiv: von Hilde Domin geborgte Worte

  7. von @katkaesk:

    In seinem blick liegt
    das nichtwort,
    wenn ich an ihn denke,
    seh ich den
    schlafenden rücken
    und lächle,
    erfreue mich an
    knackenden knöcheln,
    wir sind ein traumvolk,
    befiedern uns, wir sind vögel(n)
    irgendwo im süden,
    ich bin heimwehgefiedert

  8. schweigende tränen
    gesten der demut
    ängstliches lächeln
    misslingende schwerefreiheit
    resigniertes abwinken
    schlurfender schrittklang
    kopfwiegen voller trauer

    jedes nichtwort ein wort

  9. lose_gedanken says:

    Die Leere in uns wuchs
    mit jedem Wort, das ungesagt,
    ungedacht, ungeträumt blieb.

    Bis wir schließlich,
    uns sprachlos fremd geworden,
    das Nichtwort als Anker wählten.

    Und einander verloren gingen.

  10. elbée says:

    stigma

    wir sind klimawechsler
    reisendes traumvolk
    schwerefrei

    wir sind nicht der rede wert
    doch wird viel von uns
    erzählt

    wir sind unübersehbar
    heimwehgefiedert
    fischherzig

    im nichtwort zuhause
    das uns begleitet
    beim befiedern

    entschuldigung für die missglückten versuche der formgebung – sie können, falls möglich, auch gerne gelöscht werden

  11. Hina Artemon (@HArtemon) says:

    im aufwachen fällt mir auf
    dass meine hände fehlen
    es ist so dämmrig
    das licht bleibt beinahe stehen
    ein netz aus rissen leuchtet über mir
    ich kann es nicht berühren
    fischherzig suche ich ein leck
    wie konnte das eis sich
    um mich türmen

  12. Ich hätte es mir nie verziehen, dieses frapalywo auszulassen, liebe Sophie. Deshalb heute von mir nachgereicht zu Hilde Domin:

    Requiem für eine Katze

    Tage im Heimwehgefieder
    klopfen am Brustbein
    erbeten Auslass
    verharren im Ich.

    Wo ist sie, die ihre Liebe
    so schwerefrei gab –
    so viele Jahre, ohne
    eine Zeche zu fordern?

    Ich rufe zärtlich
    ihren Namen
    wir wandeln
    traumvolkverloren

    Im Erwachen lähmt
    das Nichtwort meine Zunge

    kursiv ausgeborgt den „Wunderworten“ von Hilde Domin

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