das war die kindheit

vor einigen tagen habe ich mein altes kinderzimmer ausgemistet und ausgemüllt. das hört sich als aufgabe sehr einfach an und genau so bin ich auch rangegangen. leichtgläubig und naiv. ist doch nur altes material, das meiste aus der schulzeit. dachte ich. seit jahren ungelesen, missachtet und zwischenzeitlich völlig verstaubt. das braucht niemand mehr, und auch ich werde es mir nie wieder anschauen. doch. habe ich festgestellt. das eine mal noch, bevor ich es weggeschmissen habe. und das hat auch irgendwie gereicht, um mich mitunter völlig aus der bahn zu werfen. ein kinderzimmer, eine kindheit, ein früheres ich – nein: mehrere frühere ichs. da tauchten aus allen noch so verstaubten und vergessenen ecken erinnerungen auf und klammerten sich fest. hatten angst, endgültig vergessen zu werden – und vermutlich zu recht.

aufschriebe aus der schulzeit – mal mehr, mal weniger ordentlich. was habe ich nicht alles, rein theoretisch, gewusst! lernstoff mühsam aufnotiert, durchgeackert für diese eine klassenarbeit, abgeheftet, klappe zu. vokabeln tausendfach notiert, eselsbrücken gebaut, texte aus worten erstellt. ich habe bei den erdkundeunterlagen den vergleich der bevölkerungsentwicklung zwischen brasilien und der brd gefunden. ich glaube, ich hatte damals wie heute wenig verständnis dafür, warum es um alles in der welt diesen vergleich überhaupt braucht und was er mir wichtiges sagen soll. ich habe mathematische formeln in büchern und heften entdeckt – eine verschlossene zauberwelt und eine sprache, die ich nie gelernt habe zu sprechen.

ich bin durch das ausmisten nochmals eingetaucht in so viele frühere ichs. was ich nicht alles gemacht habe, gejobbt habe, in urlauben fotografiert habe, von dingen geträumt habe, von jungs geschwärmt habe, mit freunden gequatscht habe. ich habe unglaublich viele briefe gefunden, weil ich auch damals schon eine begierige schreiberin war. der briefroman hätte durch mich neu erfunden werden können. heute haben mir einige namen noch nicht mal mehr was gesagt. sie sind in der tat völlig in vergessenheit geraten. es gibt keine gesichter dazu.

es waren einige gefühle und empfindungen, die ich nicht so einfach wegpacken konnte mit dem anderen altpapier in die tonne. so viele ichs. vieles, was in vergessenheit geraten darf. vieles, was ich gerne bei mir behalte. und natürlich dann doch immer wieder das wissen: diese ichs sind ja das ich von heute. sie haben mich gemacht und ich werde sie nie verlieren. das tröstet. ein wenig. zumindest.

meine kindheit und jugend ist mir gerade wieder sehr nah. der staub der zeit wurde noch einmal aufgewirbelt. jetzt habe ich einiges davon weggefegt, doch ich kann nur hoffen, dass ich es in die richtigen erinnerungs- und gefühlsecken gekehrt habe. sich auf das früher besinnen. das das heute ausmacht. herzgenesterte ichs.

manchmal ist in der konzentration mehr gesagt als in vielen worten. einige der tweets, die ich während dieser tage geschrieben habe, drücken das sehr gut aus und deshalb dürfen sie ausnahmsweise auch mal das medium wechseln und hier im blog ihren raum finden. und sei es nur für mich, die erinnerungen wieder schätzen und definitiv nicht unterschätzen gelernt hat. danke für meine kindheit.

tweets:
wach. guten morgen. liege zwischen kindheitsträumen erinnerungen an vier wänden und in seelenzimmern.

die reise in die früheren jahre ist: voll wunder, lachen, schmerzhaft, wehmütig. wie viel zeit ist vergangen. wie viel zeit liegt vor mir?

vermutlich ist jetzt die richtige zeit die eigene kindheit zu betrachten fundstücke zu bewahren loszulassen bevor eine neue kindheit beginnt

ob es das wohl ist, von dem so viele sprechen? dieses: erwachsen werden?

was war was ist was kommt. reduktion der menschheit.

gleich mal wieder mit dem eimerchen erinnerungen einsammeln gehen.

ich habe früher menschen in briefen mein innerstes geschildert (und vice versa), deren namen mir heute noch nichtmal mehr was bedeuten.

so lange man nicht glaubt, dass man beim wegwerfen von kinder- u. jugendsachen die kindheit oder die erinnerungen wegwirft, ist alles gut.

das frühere kinderzimmer ist leer geräumt. ein nacktes gerippe. erinnerungen hängen zwischen wänden suchen halt. ich öffne die arme.

die tür zur vergangenheit schließt sich. nicht im kopf.

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