Weggespült

„Wissen Sie, dass Ihr Kopf wie eine reife Melone auf dem Pflaster aufschlagen und platzen wird?“
„Seien Sie still! Lassen Sie mich in Ruhe.“
„Ich meine ja nur. Das ist meist kein schöner Anblick. Der Kopf zerberstet, und die Gehirnmasse ist meist einige Meter verteilt.“
„Gehen Sie doch endlich.“
„Sofort. Ich wollte Ihnen nur noch sagen, dass es hübschere Arten gibt, zu sterben. Arten, bei denen die Sondertrupps Sie nicht im wahrsten Sinne des Wortes von der Straße kehren müssen. Wussten Sie schon, dass eine Sonderreinigung erforderlich wird? Kostet die Stadt jedes Jahr ein Vermögen – all diese Selbstmörder, die denken, Sie tun der Menschheit mit ihrem Tod einen Gefallen und von Dächern springen. Und im Sarg sehen Sie natürlich auch nicht besonders gut aus. Ts. Diese Menschen sind so was von ignorant, kann ich Ihnen sagen. Sind Sie auch so, Marc?“
„Nun gehen Sie schon.“
„Na ja, ich dachte mir schon, dass Sie auch so einer sind. Ihnen waren wohl immer alle in ihrem Leben egal.“
„Sie haben doch keine Ahnung, Mann. Mir war keiner egal.“
„Natürlich, natürlich. Ist ja immer so, nicht wahr. Das arme Würstchen, das von allen vernachlässigt, ignoriert und gedemütigt wird. Und anderen nie ein Haar gekrümmt hat.“
„Lassen Sie das. Ich springe.“
„Das hatten Sie doch eh vor, Marc. Meinen Sie, ich will Sie davon abhalten?“
„Wollen Sie nicht?“
„Ach wo. Ich will nur mit Ihnen plaudern – wo ich doch schon mal hier oben bin.“
„Ich glaube Ihnen kein Wort.“
„Dann eben nicht. Aber erzählen Sie doch mal. Wer war denn alles so unglaublich böse und gemein zu Ihnen?“
„Sie haben doch keine Ahnung! Das geht Sie einen Scheißdreck an.“
„Da haben Sie völlig Recht, Marc. Geht mich überhaupt nichts an. Aber wo wir doch schon mal so nett beisammen stehen.“
„Kommen Sie keinen Schritt näher!“

Wir waren in einer Patt-Situation angelangt. Marc stand am Rand des neunstöckigen Wohnhauses, ich wenige Meter neben ihm. Unten hatten sich Menschen versammelt, die einerseits hofften, dass dieser Unbekannte sein Vorhaben aufgeben würde, und die sich anderseits seinen Sprung wünschten. Einfach, um was erzählen zu können. Um dabei gewesen zu sein. Widerlich. Widerlich, aber normal. Ist immer so.

„Schauen Sie mal – Sie sind jetzt schon eine Attraktion, Marc. Das steht morgen bestimmt in der Zeitung. Mann springt vom Dach. Und wenn Sie noch einen der unten stehenden Gaffer treffen, hat die Zeitung gleich doppelt was zu berichten.“
„Gott, kann das passieren?“
„Klar. Je nach dem, ob Sie springen, sich einfach fallen lassen, wie der Wind steht. Ich hatte auch mal einen Fall, da waren die Winde so stark, dass der Mann gegen die Hauswand geschleudert wurde. Hässliche Spuren waren das.“
„Sie spinnen ja. Sie lügen!“
„Tja, das Gute ist, Marc, Sie werden es nie erfahren. Haha – der war gut.“

Ich lachte. Man eignet sich einen seltsamen Humor an, wenn man mit solchen Menschen und Situationen zu tun hat. Aber den Kalauer fand ich selber richtig gut. Marc schaute mich verblüfft an. Dadurch musste ich nur noch mehr lachen. Dieses verdatterte Gesicht, diese Verwunderung in seinen Augen, dass ich in so einer ihm lebens- oder todeswichtigen Situation lachen konnte! Lachtränen stiegen mir in die Augen, und ich hielt meinen Bauch fest.

„Sie wissen gar nichts.“

Endlich hatte ich ihn soweit. Ich beruhigte mein Lachen und schaute ihn an. Er stand da, am Abgrund seines Lebens, ein zusammengefallener Mensch, eingesackt, geplättet von einer Last, die ihn ausweglos zurück ließ und über die er jetzt endlich mit jemandem sprechen konnte.

„Sagen Sie es mir, Marc.“

Er schüttelte den Kopf. Nicht, weil er mir nicht würde antworten wollen, sondern weil die Traurigkeit in ihm hoch gekrochen war. Ein Gefühl, von dem er überzeugt war, es längst abgestreift und vor seinem Aufstieg aufs Dach unten auf der Erde zurückgelassen zu haben. Doch sie war wieder gekommen, die Traurigkeit. Und das verwunderte ihn. Mir gab das Hoffnung. Er war noch nicht verloren. Ich hatte eine Chance.

„Ich habe alles verloren. Ich habe alles falsch gemacht. Bea, sie…“
Er suchte nach Worten.
„Ist Bea Ihre Frau, Marc?“
Er nickte.
„Sie ist…nein. Sie war meine große Liebe. Ich habe sie auf Händen getragen. Sie war so schön, wissen Sie? So schön.“
„Das glaube ich Ihnen gern. Schöne Frauen tragen wir gerne auf Händen, nicht wahr, Marc?“

Ich musste an Laura denken. Sie war ein Engel und sah klasse aus. Ihr Gesicht war so ebenmäßig und freundlich. Dann schob sich mir das Bild vor Augen, wie ich sie zusammen mit einem Fremden im Bett erwischte. In unserem Bett. Wild auf ihm reitend, den Kopf in den Nacken geworfen, stöhnend. Die blonden Haare, die sich über ihrem Rücken ergossen, und er sich in ihr.

„Sie ist tot, wissen Sie.“
Es dauerte einen Augenblick, bis ich wieder auf dieses Dach zurückfand, zurück zu Marc.
„Haben Sie sie umgebracht?“
„Nein! Was denken Sie von mir? Nein – ich hätte ihr nie etwas angetan. Sie starb bei einem Autounfall vor einem Jahr.“
„Und dann, Marc. Was dann?“
„Sie war so schön. Ich war jeden Tag an ihrem Grab, jeden einzelnen Tag.“

Ich stehe jeden Tag vor Lauras neuer Wohnung, seitdem ich sie rausgeworfen habe. Ich beobachte sie. Will sehen, ob sie mich vermisst, wieder in ihr altes Leben zurück will. Ob es ihr schlecht geht. Aber es geht ihr nicht schlecht. Nein, ihr nicht.

„Dann habe ich meinen Job verloren, weil ich doch jeden Tag bei Bea war. Scheißchef. So ein verdammter Hurensack von einem Chef.“
„Ja, Chefs können miese Ärsche sein, Marc. Was haben Sie dann gemacht?“

Ich komme Nacht für Nacht von Laura nach Hause und feiere mit Flaschen Versöhnung. Sie braucht mich nicht. Hat sich eingerichtet, eingelebt. Der Neue hat schon eine Tasche mit ins Haus gebracht.
„Ich bin bei meiner Mutter wieder eingezogen.“
„Sie sind was? Au Marc, dass Sie so tief gefallen sind.“

Auch das wäre ein Kalauer zum Lachen gewesen, doch es war nicht mehr die Stimmung, darüber zu lachen. Marc fiel der Witz gar nicht auf, und ich übersah ihn geflissentlich. Wie kann man nur zurück zu seiner Mutter ziehen? So ein Jammerlappen. Eigentlich verschwendete ich hier echt meine Zeit mit ihm. Warum bemühe ich mich eigentlich?

„Sagen Sie das nicht über meine Mutter! Meine Mutter hat versucht, mich aufzupeppeln, sie hat es gut gemeint, und wie habe ich es ihr gedankt? Gar nicht! Verstehen Sie? Gar nicht. Sie war da für mich, sie ging mit mir zu Bea. Sie hielt meine Hand. Und dann gehe ich einmal aus dem Haus, um ins Kino zu gehen. Nach all den Wochen hatte ich mich endlich wieder aufgerafft.“

Wie schön für ihn. Aufgerafft, aufgepeppelt. Sie braucht mich nicht. Sie mich nicht. Ist glücklich.
„Und dann, Marc, was dann?“

Er schluchzte. Sein Körper schüttelte sich gefährlich. Ich packte ihn und zog ihn weg vom Rand. Er bemerkte es gar nicht. Ich hatte gewonnen. Er würde nicht mehr springen. Ich hörte von unten wie die Menge reagierte, Stimmengewirr kam hoch und der ein oder andere verhaltene Applaus.
„Sie war tot.“
„Ihre Mutter?“
Marc nickte.
„Sie hatte einen Herzinfarkt, als ich im Kino war. Sie hatte noch versucht, an das Telefon zu kommen. Ich hätte ihr helfen können. Wäre ich zuhause geblieben, hätte ich ihr helfen können.“

Ich hielt ein Wrack in meinen Händen. Seine Tränen und sein Rotz legten sich auf meinem Hemd ab.
„An manchen Tagen ist es einfacher, nicht aus dem Haus zu gehen, nicht wahr, Marc? Weil wir einfach nicht wissen, was uns erwartet, wenn wir wiederkommen.“

Er schaute mich durch seinen Tränenschleier an und nickte stumm. Ich drückte ihn an mich. Hielt mich an ihm fest, damit ich nicht fiel. Die Lösung war verlockend nah.
Wir verließen das Dach, als die ersten Tropfen fielen.
„Der Regen hätte doch sicherlich alles weggespült, was meinen Sie?“
Ich schaute Marc an und schüttelte nach einem Augenblick den Kopf.
„Der Regen vermag viel, Marc, aber er wischt nichts weg. Leider.“

(Weekly #2; Kurzgeschichte)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Zustimmung zur Datenspeicherung lt. DSGVO