Türchen #12: Festmahl

Es sollte ein gelungenes Festmahl werden. Barbara hatte an alles gedacht. Dachte sie. An die Blumen auf dem Tisch, das polierte Silber von Oma, die neu gekauften Sektgläser, weil die alten ja schon Kratzer hatten oder von der Spülmaschine blind waren. Der Tisch war gedeckt, der Braten schmorte im Ofen und ein herrlicher Duft nach Weinsauce, Rosmarin und Pfeffer zog durch das Haus. Und sah Barbara nicht selbst auch besonders hübsch aus, heute Abend? Dachte sie. Auch sie hatte sich aufpoliert und sich ähnlich wie den Tisch mit allerlei Schmuck und Tand dekoriert. Sogar einen Rock hatte sie angezogen und dafür ihre verblichene und ausgeweitete Cordhose abgelegt. Sie trug eine Bluse mit Rosen zu ihrem grauen Wollrock und eine hellgraue Strickweste dazu. Um ihren Hals baumelte eine Goldkette mit einem Medaillon, darin das Bild von Hans, als er aus dem Krieg zurück kam. Über ihren linken Ringfinger hatte sie ihren Ehering übergestreift, den sie sonst bei der Arbeit lieber sicher in der Schublade wusste. Sie hatte eine glückliche Ehe gehabt mit Hans. Dachte sie. Sie zündete noch die letzte Kerze an und stand dann in ihrem Wohnzimmer, das heute so festlich geschmückt war, mit einer aufgehübschten Barbara darin und Kerzenschein, der den Raum in ein sanftes Licht tauchte und über so manche verschlissene Stelle hinwegsah. Sie hatte für sieben Uhr geladen. Mit einer richtigen Einladungskarte, von Hand geschrieben. Sie mochte diese mündlichen so mal eben dahin gesagten Einladungen nicht. Die waren nicht so wertschätzend für diesen wunderbaren Abend, den sie haben würden. Und sie hatten alle zugesagt. Astrid, Otto, Marlis und Herbert, selbst Annegret, die ja sonst eher zurückgezogen lebte. Doch auch sie konnte nicht widerstehen, als sie von einem fünfgängigen Menü las mit Sekt und Wein und mit Kaffee zum Schluss. Und so freute sich Barbara auf alle ihre Freunde. Nur Hans würde ihr wie jeden Tag fehlen. Sie griff nach dem Medaillon und strich sanft mit ihren alten Fingern darüber. Ihr Hans. Dachte sie. Viel zu früh hatte der Tod ihn zu sich geholt. Den Krieg überlebt und dann vom Scheunendach gefallen. Aber heute Abend würden sie im Geiste mit ihm feiern. Alle zusammen würden sie fröhlich sein und ganz gewiss nach dem Festschmaus ihre alten Lieder singen und einstimmen in längst bekannte Weisen. Sie würden bestimmt bald da sein. Dachte sie. Sie war ja schon fertig. Und der Braten würde auch nicht mehr lange brauchen. Vielleicht verspäteten sie sich, weil es draußen so windete und schneite? Barbara blickte aus dem Fenster in einen weißen Winterabend. Dicke Flocken wirbelten durch die Luft und überlegten sich lange, wo sie sich schließlich ablegen und zur Ruhe kommen sollten. Die nahe Kirchturmuhr schlug sieben, jetzt musste es dann soweit sein.
„Frau Bernat?“
„Sind sie da, Fräulein Müller? Sind meine Freunde endlich eingetroffen?“ Barbara schaute die junge Frau erwartungsvoll an. Wie gut, dass sie sich für heute eine Hilfskraft geholt hatte, die sie bei allem unterstützte. Dachte sie.
„Sie sind alle schon da, Frau Bernat. Sie warten alle im großen Speisesaal nur auf sie.“
Strahlend blickte Barbara das Fräulein Müller an.
„Dann wollen wir sie nicht warten lassen.“ Sie nahm die Hand der jungen Frau und ließ sich beim Aufstehen helfen. Sie schaute sie noch einmal in ihrem Wohnzimmer um. Dachte sie. Und ließ sich dann durch den langen Flur in den Speisesaal des Altenpflegeheims führen.

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