Türchen #10: Wichteln

„Gib es mir“, sag’ ich. „Du willst es doch gar nicht.“
„Doch. Es ist meins. Meins. Meins. Meins.“
Ich schau sie an. Mein Blick sagt ihr zwar viel, doch sie bleibt stur. Auch wenn sie es aus dem Sack hat? Na und? Ich kann ihr meins geben. Das macht mir nichts aus. Und was soll sie auch mit dem Buch? Sie liest nicht und kann es auch gar nicht. Ich wohl. Ich bin im Geist gern weg. Und sie? Sie lebt hier in der Welt, ist da, nur da und macht sonst nichts. Die Welt ist fies.
Zorn steigt in mir hoch. Wut kommt gleich mit. Sie sieht es und grinst. Hält ihr Buch fest. Ich schau sie an. Ich schau das Buch an. Es ist die Flucht für mich. Die Flucht aus dem Hier und Jetzt. Weg. Bloß weg. Was soll ich auch hier? Das bin nicht ich. Doch dort. In dem Schwarz auf Weiß. Dort kann ich ich sein. Und nur ich.
Jetzt lacht sie auch noch. Sie lacht mich aus. Sie hält sich den Bauch und das Buch und lacht. Zeigt auf mich, beugt sich nach vorn, schlägt sich mit der Hand auf das Bein und lacht. Lacht laut und grell. Mein Ohr schmerzt. Mein Herz auch. Ich greif’ nach Omas Stock. Der steht auch nur so da. Wie sie. Nur nicht so steif, weil sie ja lacht. Und sich nach vorn beugt, und ich weiß, jetzt ist die Zeit da. Ich hol’ aus und schlag zu. Fest. Fest. Mein Buch. Es ist mein Buch. Meins. Ein Schlag. Meins. Ein Schlag. Meins. Ein Schlag. Sie liegt da. Und lacht nicht mehr. Sie ist zum Glück stumm. Und ich? Ich zieh ihr das Buch aus der Hand und bin weg.

(Einsilbigkeit)

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