#frapalymo 14mai16: nineteen eighty five

von beginn der ersten knospung bis zur ernte, dann wenn sie mich mit den früchten vom baum holen, sitze ich oben. himmelnah. mutter bringt drei mal am tag proviant. vater rezitiert nach seinem frühstück die meldungen, die er zuvor in der zwischenzeitlich zusammengefalteten und weggeworfenen tageszeitung gelesen hat. tom spielt fußball. meine welt hat seinen mikrokosmoszustand erreicht. weggeborgene zeit. das war 1985. seitdem sitze ich oben.

 

das ist gedicht no. 14 von frau paulchen für den #frapalymo, und der „wie-damals“-impuls lautete: „in dem apfelbaum meiner kindheit“ – nach einem tweet von @poetin aus dem ersten #frapalymo im november 2011. vielen dank für die anregung, damals wie heute!

30 tage, 30 gedichte, no excuses: wer beim #frapalymo mitmachen mag, kann dies entweder für sich tun und die impulse für die eigene schreibstube nutzen. oder im unten stehenden kommentarfeld seinen blog/webseite verlinken. oder das gedicht selbst über das kommentarfeld hochladen. oder auch einfach sonst einen kommentar hinterlassen. ähnlich über twitter mit link und kennung #frapalymo und @FrauPaulchen

34 thoughts on “#frapalymo 14mai16: nineteen eighty five

  1. Matthias Doellert says:

    Der Apfelbaum der Kindheit,
    gekeimt aus einer Beziehung Kernen
    und als Setzling gepflanzt ins Leben.
    Mit Bedacht gestutzt, von ungünstigen Knospen befreit,
    damit er so zum mächtigen Baum gedeiht.
    So steht er heute fest im Leben.
    Ein Dank an die, die ihn hegten und pflegten.

  2. Gerda Steger says:

    blick fang

    apfelblütenschnee
    green gras laub-
    frosch gesänge im garten
    meiner kindheit licht-
    kringeln osterfest
    nester suche
    neststundengefühle viele
    augenfluchten mir

    zu den wurzeln dort
    im zeitwind kinder-
    träume durchziehen alle
    apfelbäume heute

    suche wieder die himmel schlüssel-
    blumen erzählende
    zeit

    • Wohl dem, der auf solch paradiesische Kindheit zurückblicken kann! Und wenn der Anblick von blühenden Apfelbäumen genügt, diesen Himmel wieder aufzuschließen. Ich mag dein Gedicht sehr, liebe Gerda.

  3. Liebe Sophie, liebe Leser/innen,
    vielleicht schweife ich etwas vom Thema ab – seit ich diesen wunderschönen Film gesehen habe, beschäftigen mich BIRNBÄUME. Vor zwei Tagen inspirierte mich „Birnenkuchen mit Lavendel“ zu diesem Gedicht:

    leise
    umhüllt mich die Nacht
    der Tag
    an den ich meine Sinne verlor
    verliert selbst seinen Sinn

    über den Zeiten
    schweben unerfüllte Träume
    Frühling und Sommer
    vereint
    im Reich unendlicher Weite

    aus alten Birnbäumen
    strahlt Duft
    von leuchtender Hoffnung
    – in voller Blüte

    Wiesen so weit –
    Mohn
    Kornblumen
    Lavendel

    am Horizont
    reift Korn golden geperlt
    im Morgentau

    gehügelte Wälder
    sanft
    wiegt sich die seidige Landschaft

    das steinerne Landhaus
    haucht Geborgenheit
    die Welt versinkt

    und ich lebe

    (c)Michael Hermann
    https://kunstlyrikhermann.wordpress.com/

    • Gerda Steger says:

      Ich lese diese wundervollen Zeilen, und so viele Erinnerungsbilder beginnen zu leben. Nein, das ist hier kein Abweichen vom Thema, im Gegenteil, steht ein Birnbaum doch genaus so gut für den Duft der Erinnerungen, für den Apfelbaum der Kindheit. Der Leser versinkt mit dir in ein Stück Heimat, auch in deine „seidige Landschaft“, erlebt duftumschlungen ein Traumgewebe. Danke, Michael, für diesen lyrischen Genuss – und auch für den dabei entstehenden kulinarischen! Kannte bis jetzt nur Zitronen-Lavendelkuchen, einer meiner Lieblingskuchen für diese Zeit.

  4. kindheitssommer

    wir wohnten damals
    im apfelbaumhaus
    und ließen die zeit
    in der welt zurück.
    unsere gedanken
    tänzelten zwischen
    grünrosarot,
    der morgenduft war
    eingemantelt im blau
    des himmels.

    als der herbst kam,
    waren die träume
    mit einemmal obdachlos.
    zeit und welt
    hatten uns erreicht.

    • Gerda Steger says:

      Deine mit viel Zartgefühl geschriebenen Verse, liebe Marlies, heben den Leser ins Schwerelose, lassen ihn auch mit unerfüllten Träumen im Laufe des Lebens nicht „obdachlos“ zurück. Siehe, ich beginne jetzt wieder zu träumen, immer wieder, wenn blütenzart Leuchtwerke des Lebens mich berühren. Was wäre das Leben ohne Träume!? Danke für deinen Wort-Pinsel-Tanz durch den Regenbogen!

    • Liebe Marlies, der Kreis von grünrosarot in die Welt, den du schlägst, ist ein Absturz, der trotz aller Zartheit der Textwendung schmerzt.
      Ich kann mich kaum sattlesen an deinem Gedicht.

  5. Mein Paradies

    Fern liegen jene Tage
    unbeschwert –
    kurze Beine –
    lange Wege –
    aufgeschürftes Knie –
    und im Apfelbaum
    ein paradiesisches Versteck,
    das ich mit einem
    einsamen Riesen *)
    teilte.
    Lügen-Wahrheit –
    gemischt in Märchen
    lieblich, klebrig wie
    Sahnebonbon.
    Salzig, heiß
    über die Wangen
    die echten Tränen.
    Ich biss in den Apfel
    vom Baum meiner Kindheit.

    (* Oscar Wilde: Der einsame Riese)

    • Gerda Steger says:

      Federleicht und einfallsreich in einer lichten Textur kommt dein kleines Kindheitsparadies, liebe Margrit, herüber. Die letzten Zeilen springen mir besonders ins Auge – so herzzereißendhungerschön!

      • Liebe Gerda, ich danke dir. Ja, welcher Hunger ist es gleich? Den zu stillen wir das Paradies verlassen müssen? Rückblickend wirklich herzzerreißend. Liebe Grüße

  6. roteFrau says:

    Apfelbaum,Birnen-,Quitten-,Kirsch-,Zwetschgenbaum,dazwischen eine…Hängematte… darunter puste Blumenfeld ,darüber KinderTräumeWelt

    • Ja, genau, liebe Ule, und mein Baum war eigentlich eine Kastanie mit Kletterästen. Dennoch- Vom Apfel der Erkenntnis auf der Grenze zwischen Kindheit und Erwachsen-sein-müssen haben wir alle einmal gebissen. Seufz!

  7. Esther says:

    Im Baum meiner Kindheit ist es still
    Kein Streit sagt
    Der Apfel fällt den Stamm

    Halte die Apfelmuschel ans Ohr
    Baumsäfte rauschen beieinander
    Anders Cherubs Flügel

  8. yumami says:

    das angsthasenkind

    baute keine höhlen
    kletterte nicht auf bäume
    schlug sich nie die knie blutig

    sogar in der phantasie
    suche ich vergeblich
    den apfelbaum meiner Kindheit

    • Gerda Steger says:

      Wie schön dieser Gedanke herüberkommt, jetzt noch so einen Apfelbaum der Kindheit zu pflanzen – da bringst du, liebe Anna, einen neuen Blickwinkel zu dem gegebenen Impuls. Ein Bekenntnis zur Natur und zum Leben! Aber mehr noch hält mich dein sprachspielerisches Kleinod gefangen.

  9. Ein Häuschen wünscht ich mir, versteckt und klein,
    im Apfelbäumchen sollte es sein
    im grünen Garten
    weitab
    vom Ton der lauten Welt
    Es sollte mir zeigen vier Zeiten im Jahr
    knospend blühend tragend und kahl
    erleben wollte ichs nah
    drin Träumen Dichten Spielen und
    Singen
    es erleben mit all meinen Sinnen
    der Traum wurde wahr

  10. Ich läge gerne
    gerne jetzt
    in deinem knorrigen starken Arm
    und lauschte deinem Singen
    mittendrin fernab
    vom Gesumme und Gebrumme
    aller Welt
    Aus deinen Blüten wuchs die Hoffnung
    weiß und später
    saftig grünes Leben
    (manchmal warst du auch ein wenig sauer
    macht lustig)
    Ich war die Königin und du
    mein Schloss
    und untenrum ein Burggraben
    aus wilden Blumen

  11. Der Bach meiner Kindheit
    fließt
    die Buche steht noch
    der gleiche Ruf
    des Bussards

    Wo sind die Molche
    Kröten und Echsen
    die Lager
    die Fährten

    Vieles sieht anders aus
    heute
    Erinnerung täuscht
    verwandelt
    in stillen Kellern

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