#frapalymo 1nov17: zahlenspiel

zahlenspiel

ich zähle die regentropfen an den zweigen*
einen nach dem anderen summieren sie ziehe sie
vom leben ab und berechne eine quersumme

was ergibt sich aus momenten plus enttäuschungen
aus augenblicken mal vergangenem aus
kalenderblättern minus der liebe

ein paar zahlen vielleicht ein meer
an regentropfen die astweise
hinabrinnen

ich
höre das zählen auf
stelle eimer hin

 

das ist gedicht no. 1 von frau paulchen für den #frapalymo, und der impuls lautete „die erste zeile ist für alle gleich“. die erste zeile war von hilde domin* und lautete „ich zähle die regentropfen an den zweigen“. (und bitte entschuldigt nochmals, dass ich aus versehen in einer vorherigen blogpost-version „scheiben“ statt „zweigen“ geschrieben hatte – kein thema, wenn jetzt ein paar mit dieser geänderten anfangszeile anfangen. diese freiheit nehmen wir uns…)

30 tage, 30 gedichte, no excuses: wer beim #frapalymo mitmachen mag, kann dies entweder für sich tun und die impulse für die eigene schreibstube nutzen. oder im unten stehenden kommentarfeld seinen blog/webseite verlinken. oder das gedicht selbst über das kommentarfeld hochladen. oder auch einfach sonst einen kommentar hinterlassen. ähnlich über twitter mit link und kennung #frapalymo und @fraupaulchen

37 thoughts on “#frapalymo 1nov17: zahlenspiel

  1. ich zähle die regentropfen an den scheiben*
    tränentropfen tanzend cheek to cheek
    flechte ich zum silberband
    für mein schwarzes haar
    eingeladen bin ich zum tanz
    am fuße des regenbogens

    (*oder an den zweigen ;-))

  2. ich zähle die Regentropfen an den Scheiben*
    des Schienenbusses
    hasse die Stadt
    mit ihren vielen kleinlichen Bahnhöfen

    die Zeit klebt an mir wie eine graue Haut
    ich zähle die Regentropfen die Tränen
    weggeschwommen bin ich von zu Haus

    nach dreißig Jahren ist alles still
    gelegt ist ein Weg
    für fröhliche Menschen

  3. von @nachtblau:

    Ich zähle die Regentropfen an den Zweigen. Ich zähle die Menschen im Bus. Ich zähle das Kleingeld in der Tasche. Ich zähle die Buchstaben in der Zeitung. Ich zähle die Welt, weil irgendjemand fehlt.

  4. Gerda Steger says:

    die regenschnur

    ich zähle die regentropfen an
    den zweigen* wind aus-
    gesetzt eine seele hängt

    atem los aus-
    schau nach dem licht
    träger sie hält

    das verbindungsseil in deiner ast
    hand sie ersehnt.
    sieh die zeit entflieht
    ohne sternen tanz!

    ich zähle die perlen dein
    meiner regenkette

    * Hilde Domin

  5. von @nichterfasst:

    Ich zähle die Regentropfen an den Zweigen,
    Die leis ans Fenster klopfen,
    Ihr nasses Schweigen
    Zerfließt mit den Stunden
    In dunkle Sonnen;

    Die Tränen zerronnen,
    Zähl die narben, die Wunden.
    Ich quäle die Nacht mit Träumen
    Und tagschwerem Schweigen,
    Im Fenster aus finstren Bäumen
    Tropfe ICH von den Zweigen.

  6. von @worthall_de:
    Regen
    Ich zähle die Regentropfen an den Zweigen,
    folge, mit Blicken, der Äste dunklem Verlauf,
    sehe sie sich, in schwerer Nässe verneigen,
    und trotzdem, ich hör‘ es leise, sie atmen auf.

  7. „Ich zähle die Regentropfen an den Zweigen“ (*)
    die nicht im Schatten hängen
    schillern bunt

    fangen meine Gedanken auf
    und fallen ab – nach einiger Zeit –
    verschwinden in schmierigen Pfützen

    die im Schatten vertrauen
    Moosen und Flechten
    lösen sich auf in ihren filzigen Polstern

    Habe ich mich nun verzählt
    übersehen leuchtende Tropfen

    Nein

    für drei schwere Gedanken ist noch Zeit

    __________________________________________________

    (*) Erste Zeile aus Hilde Domin:
    „Abzählen der Regentropfen“ in „Rückkehr der Schiffe“

  8. Liebe Sophie, ich freue mich, dass ich dabei sein darf. So viele vormir haben schon die Regentropfen gezählt. Was bleibt da übrig? Aber wir wären nicht wir, wenn uns nicht noch etwas dazu einfallen würde.

    Herbstorchester
    Ich zähle die Regentropfen an den Zweigen
    und teile sie in kleine Gruppen ein.
    Die Tropfen vorne klingen nicht so rein,
    dafür die hinteren wie zarte Geigen.

    Dann mischt sich anderes noch in den Reigen;
    wenn es nach unten tropft vom bunten Wein,
    lausche ich der Melodie vom nassen Sein
    und mache mir das Lied zu eigen,

    was Herbst auf Herbst an meine Ohren klingt;
    wenn jeder Tropfen von den Zweigen springt,
    und die jetzt kahlen Äste aus dem Wintergrau

    erweckt mit vielen Stimmen, klar und rau.
    Da ist es mir so heimelig im Zimmer,
    sitze ich am Fenster, warm bei Kerzenschimmer.

    Viele liebe Grüße

  9. yumami says:

    ich zähle die regentropfen
    an den zweigen*
    die schimmernden früchte
    der melancholie

    ein sonnenstrahl erscheint
    die sicht ist wieder klar
    und ich fädele sie alle auf
    die unzählbaren freudentränen

    * Hilde Domin, Abzählen der Regentropfenschnur

  10. von @DonOutlawPete:

    Ich zähle die Regentropfen an den Zweigen,
    ein, zwei, drei, viele, einer Perlenkette gleich.

    Jeder Tropfen ein Gedanke,
    an hellere Tage,
    an denen die Blätter noch Hoffnung versprachen.

  11. Andrea says:

    November

    Ich zähle die Regentropfen an den Zweigen,
    bevor sie unerkannt fallen und sterben.

    Ich höre dem Sturm zu, wie er das Laub
    mit aller Gewalt von den Ästen reißt.

    Der Tod begegnet mir in vielen Farben,
    fürs Jenseits reserviert sind Schwarz und Blau.

    Über die frischen Gräber legt sich Nebel und
    keiner weiß, wer nächstes Jahr wiederkommt.

  12. @philosophina says:

    Ich zähle die Regentropfen
    an den Zweigen
    ganz sorgsam
    jeden einzelnen
    möchte Ungenauigkeit vermeiden
    schaue lieber noch einmal hin
    ein zweites Mal
    ein drittes
    das Ergebnis
    bleibt umstritten

  13. diretissima

    ich zähle die regentropfen
    an den zweigen vexiert
    darin mein spiegelbild gleiten
    regenbogenpikiert
    haftungsloser fall
    überall ein platzen und fließen
    den boden wieder genießen

  14. von @meernotizen:

    Ich zähle die Regentropfen an den Zweigen,
    bewege langsam Ast für Ast,
    entblättere Rinde um Rinde,
    das Wurzellose hält,
    und am Stamm angelehnt atme ich Heimat.
    Ungezählte Tränen pflanzten diesen Baum.

  15. Ich zähle die Regentropfen
    an den Zweigen des kahlen Baumes im trüben Novemberlicht.
    Wie zart sie erscheinen, wie schillernd
    in ihrer Zerbrechlichkeit,
    nicht viel mehr als Hülle um ein kleines Nichts.

    Ich staune über die Kraft, mit der sie sich klammern
    an den schwankenden Grund
    als wären sie hier für die Ewigkeit,
    und warte auf den Moment,
    in dem sie sich lösen mit einem unhörbaren „Plopp“
    und zu Boden fallen.

    So
    fühlt es sich an in der Welt zwischen Lachen und Tränen,
    zwischen Brücke und Graben.
    Wenn du glaubst, dass du es jetzt geschafft hast
    und dass du dir Sicherheit erkämpft hast unter Schmerzen
    und endlich belohnt wirst für all die Mühe.

    Und wenn du dennoch weißt, dass es nicht von Dauer ist,
    dass die Balance nur eine Frage des Zufalls ist
    und dann ein Windstoß genügt,
    damit du dich löst mit einem nur für dich hörbaren „Plopp“
    und wieder einmal zu Boden fällst.

  16. Ich zähle die Regentropfen an den Zweigen
    auf elf bin ich gekommen
    ich gebe auf
    es sind zu viele
    betrachte lieber alle Zweige
    wie sie sich neigen
    vielleicht verneigen sie sich auch
    vor all den Regentropfen
    die auf ihnen verweilen
    als gehörten sie
    zur Familie

  17. elbée says:

    durststrecke

    die tropfen
    des letzten regens
    hängen an der scheibe
    in kleinen sandigen kreisen
    sie lassen sich an den fingern abzählen

    aber wir haben aufgehört die tage monate
    zu zählen erinnern uns nicht mehr
    wann ja wann ? zum letzten mal
    regen an die scheibe
    tropfte

    _________

    pardon, impuls nicht ganz so umgesetzt wie „vorgeschrieben“ – künstlerische freiheit, nicht wahr ?

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