#frapalymo 24mai16: alltagsabschnitt

als ich neulich am bahngleis stand
auf den zug wartete und die passanten
neben mir standen summten wir gemeinsam
das lied der nomaden inneren heimatlosen hielten uns fest
an worten ohne bedeutung wie wir ohne richtung wie
andere ohne irgendwas fühlten uns ganz gleich
im sog der einzelnen

 

das ist gedicht no. 24 von frau paulchen für den #frapalymo, und der impuls lautete: „abgeschnitten“ – danke an dich, liebe esther, für die schöne vorlage!

30 tage, 30 gedichte, no excuses: wer beim #frapalymo mitmachen mag, kann dies entweder für sich tun und die impulse für die eigene schreibstube nutzen. oder im unten stehenden kommentarfeld seinen blog/webseite verlinken. oder das gedicht selbst über das kommentarfeld hochladen. oder auch einfach sonst einen kommentar hinterlassen. ähnlich über twitter mit link und kennung #frapalymo und @FrauPaulchen

46 thoughts on “#frapalymo 24mai16: alltagsabschnitt

  1. Matthias Doellert says:

    Paradiesisch, idyllisch, still und menschenleer.

    Völlig abgeschnitten,
    aber doch in Mitten.

    Eine kleine einsame Insel im Meer.

  2. Gerda Steger says:

    Liebe Sophie, dein „lied der nomaden“ geht mir unter die Haut, so einfühlsam schön! Abgeschnitten vom Rest der Welt und dennoch verbunden, geborgen sich fühlen, „ganz gleich im sog des einzelnen“. Ein kleiner Trost, der dir auch Kraft auf dem Weg gibt.
    Schreibend stehen wir auch heute ganz mit dir verbunden. Dir alles erdenklich Gute mit viel Sonne auch im Herzen!

  3. im Wattenmeer

    den Stacheldraht
    habe ich abgelegt –
    neben die Strandastern
    als die Hoffnung mich
    herauslockte für den Moment.
    da war eine Tanzfläche
    ausgerollt für mich
    bis zum Horizont
    hast du mich vertröstet –
    ich bin mit der Sonne gewandert
    du hast mir Salz und Lehm
    auf die Zunge gelegt
    was soll ich auch sagen.
    vielleicht hast du mich gewarnt
    irgendwann vielleicht
    als ich die Meeresschnecke
    mir vor das Ohr hielt
    um mich zu berauschen.
    ich sehe die arglosen Wasser
    in den Prielchen springen
    meine Schritte singen hinüber
    ob das die Flut aus Erinnerung ist
    die meine Füße benetzt
    meine Hände befeuchtet
    und bald meine Stirn trifft.
    ich kann nicht mehr denken
    vor lauter Gegenwart –
    sitze auf einer Insel zwischen
    den Zeiten. die Hoffnung
    ist eine Plastiktüte im Meer.

    • So stark wie dieser berühren mich Texte selten. So kunstvoll das Eine Bild durchgestaltet, so verdrillt mit der liebenden Selbsttäuschung, bis sie endlich aus dem Rausch erwacht, so todtraurig. Ich denke an Else Lasker-Schüler in der Tiefe dieser Hoffnungslosigkeit, an Hertha Kräftner auch – sogar aus deinen ohnehin anspruchsvollen Gedichten ragt dieses heraus.

    • Gerda Steger says:

      Aus deinem lyrischen Text, liebe Marlies, sprechen so viele für sich stehende Bilder. Und eines schöner als das andere. Bin zuvor schon meherere Male lesend mit der Sonne auf deiner ausgerollten Tanzfläche bis zum Horizont gewandert, oftmals inne gehalten: Haltestellen des Lebens!
      Allein schon die „Flut der Erinnerung“ als Bild lässt eine kleine Welt entstehen, und lässt auch den betrachtenden Leser vor diesen Wortbildern gedankenverloren, abgeschnitten von Zeit und Raum zurück. Das ist Wort- und Satzmagie!

  4. Gerda Steger says:

    abgeschnitten

    liebeswund, krank
    das herz im tränennetz,
    ohne seil die seele

    wenn windausgesetzt sie
    kein leuchtturm sieht,
    wellenüberrollt augen stehen

    fleht bewegtes blau:
    amami! liebe mich!
    im schattenfluss. zeit-
    regen schlägt ins herz: zer–
    fleddert. blut.leer!

    • Großes Gefühl, liebe Gerda, scheint gerade im Abgeschnittensein nach dem Meer zu suchen. Ich sehe die einsame Seele in Regen und Wind am Strand flattern.

      • Gerda Steger says:

        Danke, liebe Ule, fürs tiefere Hineinlesen. Ja, die Seele flattert am Strand des Lebens, wobei ich ursprünglich mit „bewegtem blau“ in erster Reihe ein mehr (meer) von Liebe, bzw. Sehnsucht gedanklich verbunden habe. Blau ist ja auch die Farbe der Sehnsucht.

  5. Wieder mal setze ich von der technischen Seite an: mit der Kunst der Collage. Eine grafische Spielerei habe ich als Beitragsbild gebaut, in dem ebenfalls Tradition und Moderne technisch aufeinander treffen. Spuren sowohl der Schere als auch der GIMP-Software sind erkennbar.
    http://wp.me/p3Rppc-oB

  6. roteFrau says:

    abSchnitt,Einschnitt,ab-ge-schnitt-en,oder hängen gelassen,einfach so,einschneidendes Ereignis,Schnitt,cut,verpasst…Leben eben

  7. yumami says:

    gebrüllte befehle grabschende hände feuchtes stöhnen
    drängende menge flüchtende füsse enge wird angst
    sprachloses entsetzen

    der weise mandelkern
    isoliert bilder und töne
    trennt worte vom fühlen

    so versprenkelt verliert das grauen an schrecken
    partielles vergessen sichert das nackte überleben
    und bewahrt doch die erinnerung

    der letzte blick der mutter
    ein kuß eine umarmung
    der händedruck des vaters

  8. Tausch

    Fernab der Städte, Autos, Lärm und Hetze,
    fernab von Kabeln, Web und Dingen ohne Wert –
    zeitloses Wandern unter dichten Bäumen,
    das Ohr gewendet hin zum Wasserfall,
    die Nasenflügel bebend, atmend in den Düften
    zahlreicher Glockenblumen, Moos und Borke,
    im Unterholz die huschenden Gestalten,
    das schleichende Getier, ein Eulenschrei.
    Abgetrennt von Dingen, seelenschwer;
    sie wurden eingelagert, Stück für Stück.
    Auch „fraupaulchen“* blieb zurück.
    Nun bin ich wieder – ganz und gar –
    im Hier und Jetzt und im Daheim.

    *;o)

    • Liebe Margret, willkommen zurück!
      Der Sturz aus der Idylle wird hoffentlich durch frapalymo sanft abgefedert. Verlernt hast du anscheinend nichts bei der Tauschaktion.

    • Gerda Steger says:

      Deiner Aussage stimme ich auch mit H. Hesses Worten zu: „Jedem Anfang woht ein Zauber inne“….
      Ein schönes Bild: der geflochtene Zopf mit all den Alltagswidrigkeiten, den man einfach entsorgt. So wird mir dein Gedicht, liebe Anna, auch in dieser Hinsicht gewiss immer in Erinnerung bleiben.

    • Danke Euch, Gerda und yumami!

      Manchmal ist zuerst der Text da und das Foto kommt dazu, manchmal ist zuerst die Bildidee da und der Text entsteht daraus.

  9. von Wegen

    und an der Weggabel
    bleibe ich stehen
    und trockne die Erde

    Löwenzahn tanzt mit dem Wind
    über schweigenden Gräbern
    und winkt mir zu

    und wurzelt irgendwo in der Ferne

    und ich
    reibe meine Augen
    und werfe die Stiefel zurück

    in die Vergangenheit

    barfuß biege ich ab
    und pflanze Blumen am Weg

    und über den Bäumen
    lächelt der Himmel mir zu

    und Gestern liegt hinter mir

    (c) Michael Hermann
    https://kunstlyrikhermann.wordpress.com/

    • Gerda Steger says:

      Es ist nicht immer leicht Worte zu finden, was mit Worten oftmals nie zu fassen ist. Dir, lieber Michael, ist es aber gelungen, das Unsagbare wortgerecht zu transportieren. So Vieles an Gefühlen wid sensibel in Naturbildern eingefangen. Die Schlusszeile bringt viel Licht ins Bild, man spürt regelrecht den erleichterten Atem der Natur: das bedrückend Erlebte hat sich zeitlich „abgeschnitten“. Fasziniert folgt man deiner tiefgründigen, leichtfüßigen Poesie.

  10. Esther says:

    Überlegen

    Lebenslang hielt sich die Erzählung
    Vom Ballon
    Du großer Bruder bandest ihn fest
    An ihrem Handgelenk
    Ihr gefiel aber nicht
    Wie hoch oben er war der Ballon
    Du solltest den Missstand beheben
    Aber sie sah die Schere schneller
    War schnell mit dem Schnitt
    Durch die schön gespannte Schnur
    Zu zweit schautet ihr ihm nach
    Schreiend und kopfschüttelnd

    Nun ist sie gegangen
    Deine schnelle dumme Schwester
    Und du fragst mich täglich
    Was ist eigentlich mit ihr
    Ich sage sie ist gestorben
    Wir haben sie beerdigt
    Dann schaust du durch mich hindurch
    Als sähst du einem Ballon nach
    Und dächtest nach
    Ob es nicht geholfen hätte
    Erst überlegen dann machen

  11. Nur du

    Sie reden für dich
    schneiden dich ab
    von der Kommunikation
    weil dieses eine Areal
    in deinem Gehirn
    abgeschnitten ist
    von der Blutversorgung
    schneiden sie dich ab
    vom Erleben

    Vielleicht
    wenn du lachst
    lachst du sie aus
    weil nur du weißt
    wie schön es kribbelt
    wenn es in dir wimmelt
    von Schnipseln
    eigenständig
    wundervoll
    bunt
    tonnenweise
    Konfetti

    • Esther says:

      Liebe FrauFrog! Ich staune, wie (und dass) auch über dieses Thema ein Gedicht entstand. Als mir der Impuls einfiel, dachte ich an ‚ohne Strom‘, ‚eingeschneit‘, ‚Flut‘, ‚Schlaganfall/Aphasie‘, ‚Bein ab‘ (einer Freundin von mir). Fast alles und noch viel mehr wurde hier eindrücklich bedichtet. Die wimmelnden Konfetti sind ganz wunderbar.

      • Danke, Esther. Ist gerade ganz stark mein Thema, sowohl privat als auch beruflich. Inspiriert auch durch „Konfetti im Kopf e.V.“, eine starker gemeinnütziger Verein in HH. Übrigens: 1,4 Millionen Menschen in Deutschland leben mit der Diagnose Demenz.

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