ich bin ja bekennender fan von michaela und ihrem unternehmen lyrik. wer feedback zu seiner arbeit will, dem kann ich ihr lektorat sehr ans herz legen. es sind nicht immer große veränderungen am gedicht, die ihr feedback bewirken, sondern oft scheinbare kleinigkeiten, die aber wesentliches erzeugen. nämlich, dass das gedicht danach einfach besser ist, flüssiger, geschliffener. ich will euch das mal anhand eines gedichtes verdeutlichen. und wer dann noch sagt, die erste version war die bessere, tja, dann weiß ich auch nicht.
Nachdichtung: „rêve pour l’hiver“ von Rimbaud
Für das Monatsgedicht von Unternehmen Lyrik hatte ich eine Nachdichtung von Rimbauds "rêve pour l'hiver" eingereicht. Gewonnen hat Johanna mit einem französischen Volkslied - herzlichen Glückwunsch! Ich wollte euch meinen Beitrag zu den Monatsgedichten aber nicht vorenthalten, deshalb stelle ich ihn euch in den Post. Bei diesen Übersetzungen oder Nachdichtungen ist ja immer die Frage, wie eng bleibt man am Text.
spuren
spuren
glatt ziehen schatten
ein netz aus glas
licht bricht sich in
schmerz zeichen
deuten wolken
auf regen leben in
einfachen bahnen verlaufen
schienen wie schatten netze
glatt ziehen tage
still das wasser
im glas zeichen
deuten
Musikgedicht: betrachtung
betrachtung
einzeln unverbunden
schweben töne harmonien
schweifen blicke in
vergangenheit verwischt
erinnerungen an
eine zeit als wir noch alle
(inspiriert durch eine Empfehlung von @Reticulum: Prokofiev Visions Fugitives, Movt. 1 und mit ganz herzlichem Dank!)
Nachdichtung: „die blinden“ von Baudelaire
die blinden
meine seele betrachte sie
sind schrecklich wahrliche
modepüppchen lächerlich und
furchtbar einsam wie schlaf
wandler: weiß nicht wo
sie ihre dunklen welten lassen
verschwunden der letzte
göttliche funken aus ihren
augen schauen in die ferne
zum himmel nie hinab
nie auf den bürgersteig gerichtet
neigen sie nie wie ich verträumt ihren kopf
müde und schwer geworden nie
durchqueren sie die grenzen
lose nacht schwester ewiger stille
zweites cento/flickengedicht: natürlich muss man
Und noch ein Cento, wobei ich mir zwischenzeitlich gar nicht mehr sicher bin, ob ich diese völlige Verfremdung der ursprünglichen entnommenen Sätze als Flickengedicht bezeichnen kann/darf/soll oder ob es nur noch ein Spiel mit fremden Sätzen und Wörtern. Jedenfalls erfreut mich die Arbeit an und mit der Sprache großer Dichter. Gut zu sehen, wie sehr sich dann das Flickengedicht zu Brecht zu dem zu Goethe unterscheiden.
ein cento/flickengedicht: die beschattete bucht
Übe und versuche mich gerade an Centos. Es macht richtig Spaß, mit Texten anderer zu arbeiten, ihnen durch die neue Zusammenstellung einen ganz anderen Sinn, einzelnen Wortpassagen eine ganz andere Bedeutung und Betonung zu geben. Hier nun ein Cento, das ausschließlich aus Goethe-Gedichten besteht (die Originalpassagen seht ihr unten stehend). Da hat sich doch so einiges geändert. Also mir gefällt's.
Schreibnacht #3: apfelernte
Und zu guter letzt der Schreibnacht ein Gedicht als Art Erntedank, gewidmet den Früchten, die Bäume uns schenken. Hach...
apfelernte
pflück ich stück für stück
die leiter empor
pausbackig sonne aufgemalt
gewährt mein unterrock ein
blicke weht der wind an
vertreibt wespen
morgen gibt es apfelbrei
Schreibnacht #2: halte ich
Dieses zweite Gedicht der Schreibnacht ist der Edelkastanie/Esskastanie gewidmet. In ach so tiefer Dankbarkeit (die nächsten Gänsebraten kommen bestimmt ;))
halte ich
warm in meinen händen
gebrochen das herz offen
bar jedes schutzes ein
stück himmel halte ich
EDIT
Schreibnacht #1: trete ein
Die heutige Schreibnacht widmet sich Baum- und Waldgedichten. Tretet ein zu meinem ersten Gedicht dazu...
trete ein
ich trete ein in ein
en grünen raum
still
e
saugt mich ein im
ersten moment ein sog(.)
vaku cleaner um
das ichsein bis ich bin
bis natur alltag
welt ersetzt spricht
lärmt zwitschert singt
ich atme
still
e